Pilgerweg der Weltreligionen - Einweihung von zwei neuen Figuren

Von E. W. Knapp

2016 Pilgerweg Neue Figuren 250

Ein Fest der Toleranz und gegenseitiger Achtung

„Ich sehe überall Menschen, die sich im Namen der Religion streiten. Ich habe alle Religionsbräuche geübt: den Hinduismus, den Islam, das Christentum, und ich bin auch die Wege der verschiedenen Sekten gegangen, und ich habe gefunden, dass es derselbe Gott ist, zu dem sie alle streben, wenn auch auf verschiedenen Wegen“
Das was hier so modern und für uns zukunftsweisend klingt, hat ein Mann aus Indien vor ca. 150 Jahren geschrieben…….

Bereits 2004 hat sich eine kleine Gruppe der AV-Sektion Rottenmann daran gemacht, diesem Gedanken in einem „Kunst-am-Berg“ Projekt Geltung zu verschaffen. Viele Reisen nach Asien, die Begegnung mit den Kulturen des Ostens und das Erlebnis ihrer Toleranz, haben sie bewogen, diese Idee aufzugreifen und durch Kunstwerke darzustellen.

 

 

 

 

 

Der Pfad führt durch Wald und Almen, vorbei an der Rottenmanner Hütte, steigt dann durch einen wunderschönen Zirbenwald an bis zum Globuckensee. Entlang dieses Weges sind 14 von Künstlern gestaltete Skulpturen aufgestellt worden. Jedes dieser Kunstwerke versinnbildlicht eine Religion, eine Sichtweise Gottes. Ein erklärendes Schild enthält einen Grundgedanken der jeweiligen Glaubensrichtung, um Besuchern die Ähnlichkeiten der religiösen Inhalte nahe zu bringen. Das Gemeinsame und die gegenseitige Toleranz soll am Beispiel dieses Pilgerpfades aufgezeigt werden, Unterschiede werden akzeptiert.

Am 11. Juni 2016 wurden am Pilgerweg der Weltreligionen zwei neue Skulpturen eingeweiht. Etwa 200 interessierte Menschen waren gekommen, um an einem bunten und orientalisch geprägten Fest teilzunehmen.

Die Religion der Zaroastiker hat Gerhard Sölkner mit einer Skulptur aus zwei großen Lärchenstämmen dargestellt. Ein engelsartiges Wesen breitet seine Flügel aus. Beschützend und in sich ruhend ist hier ein Vorläufer der christlichen Engelsvorstellung abgebildet. Pfarrer Mag. Hans Huber aus Rottenmann hat dieser Figur und dem ganzen Pilgerweg seinen Segen gespendet.

Die älteste monotheistische Religion der Welt wurde von Zarathustra ca. 1800 vor Chr. gegründet. Eine Besonderheit sind die Feuertempel, in denen ein ständig brennendes, heiliges Feuer gehütet wird, das als Symbol der Gottheit und der vollkommenen Reinheit gilt. Der Glaube an einen einzigen Schöpfergott war zur Zeit des 2. Jahrtausends vor Chr. revolutionär, und die Kunde verbreitete sich im ganzen Orient. Der Zaroastrismus hatte einen großen Einfluss auf zahlreiche andere Religionen dieser Welt. Auch im Christentum ist der Zaroastrismus, der über die jüdischen Lehren Einfluss nahm, zu erkennen. Die Begriffspaare Himmel/Hölle, Gott/Teufel, Gut/Böse scheinen hier übernommen worden zu sein. Im Mittelpunkt steht der Schöpfergott Ahura Mazdā, der von unsterblichen Heiligen umgeben ist. Faravahar ist ein menschenähnliches Wesen mit Flügeln, das die christliche Engelssymbolik vorwegnimmt.

Besonders eindrucksvoll war der Anblick von etwa 60 Menschen, die der Glaubensgemeinschaft der Sikhs angehören. Aus ganz Österreich waren sie nach Rottenmann angereist, um eine Skulptur ihrer Religion mit einem bestimmten Ritual einzuweihen. Die Männer trugen bunte Turbane, die Frauen waren in farbenfrohe Saris gekleidet, fremdländische Klänge wurden asiatischen Instrumenten entlockt. Der Duft von frisch gekochten Speisen ließ große Neugierde auf das Kommende entstehen.

Die Skulptur der Sikhs hat Maria Deisl aus Liezen gestaltet. Sie hat mit 3 großen drehbaren Tafeln das heilige Buch in Amritsar dargestellt, das hier eine heilige Silbe der Sikhs zeigt. Die Einweihung dieser Arbeit wurde mit einem Ritual vorgenommen, das mit Gesängen, Musik und dem Verteilen einer rituell dargereichten Speise sehr eindrucksvoll war. Die Sikh-Religion verbindet hinduistisches Gedankengut mit der Mystik des Islam. Sikhs glauben daran, dass Menschen und Tiere eine Seele haben, die immer wieder in verschiedene Lebensformen wiedergeboren werden kann. Die Seele kann einige Lebensformen durchlaufen haben, bis sie die des Menschen erreicht hat. Als Eckpfeiler des Sikh-Seins gelten ein sozial ausgerichtetes Familienleben, der ehrliche Verdienst des Lebensunterhaltes sowie lebenslange spirituelle Entwicklung. Der Dienst an Mitmenschen sowie das Bemühen um Beseitigung sozialer Ungerechtigkeiten werden als wichtige Form der Gotteshingabe angesehen.

Alle Gäste konnten nach der Einweihungsfeier an einer Führung entlang des Pilgerweges der Weltreligionen teilnehmen. Prof. Markus Ladstätter und seine Frau Birgit Lesjak-Ladstätter haben als Initiatoren der Sikh-Skulptur auf besonders einfühlsame und kompetente Weise die verschiedenen Religionsvorstellungen verständlich gemacht.

Auf der Rottenmanner Hütte wurden alle teilnehmenden Personen von der Patin des Pilgerweges, Frau Ingrid Flick, zu einem vorzüglichen Essen eingeladen. Das bunte Bild auf der Terrasse und die vielen zufriedenen Gäste waren der Lohn für die aufwändige Vorbereitungsarbeit. Obmann Karl Schnuderl vom Alpenverein Rottenmann kann zufrieden auf eine großartige Veranstaltung zurückblicken, die ein Fest der Toleranz war und die gegenseitige Achtung unterschiedlicher Lebensvorstellungen erlebbar machte. Vielfalt erscheint doch viel besser als Einfalt!

 

Fotos